Bodo Ramelow ist Gewerkschafter, Linkspartei-Politiker – und gläubiger Christ. Dass diese Zugehörigkeiten in Deutschland als Widerspruch gelten, sagt weniger über ihn als über das Land. Hans-Dieter Schütt, einer der genauesten Gesprächsführer im deutschen Journalismus, hat Ramelow in langen Dialogen nach den Spannungsfeldern seines Lebens befragt: nach Glauben und Parteidisziplin, nach Ostkirche und Westbiographie, nach dem Verhältnis von Sozialismus und Religion, das in der Geschichte der Linken so viel Verwüstung angerichtet hat.
Wer dieses Buch liest, bekommt keine Bekenntnisschrift und kein Wahlkampfprogramm. Es geht um die Frage, ob politisches Handeln eine geistige Verankerung braucht, die über Programmatik hinausreicht – und was es kostet, sich in keinem Lager ganz zu Hause einzurichten. Ramelow erzählt von Genossen, die das Kreuz am Hals für einen Skandal halten, und von Kirchenleuten, die den Parteigenossen nicht neben sich auf der Bank dulden wollen. Schütt hört zu, hakt nach, lässt Widersprüche stehen, wo andere sie glätten würden.
Ein Buch für alle, die sich für das Verhältnis von Überzeugung und Institution interessieren – und dafür, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn man ihm die Etiketten abzieht.