Sondershausen, die kleine Residenzstadt in Nordthüringen, blickt auf eine lange Musiktradition zurück. Als die Wehrmacht ab 1935 eigene Musikschulen einrichtete, um den Nachwuchs für ihre zahlreichen Musikkorps heranzubilden, lag es nahe, auch hier eine solche Einrichtung zu gründen. 1938 entstand die Luftwaffen-Musikschule Sondershausen – eine Institution zwischen städtischer Trägerschaft und militärischer Aufsicht, zwischen musikalischer Ausbildung und ideologischer Zurichtung. Eckart Lange rekonstruiert auf über 400 Seiten die Geschichte dieser Schule, ihre Strukturen, ihr Personal, ihren Alltag und ihr Ende 1945.
Der Untertitel „Zwischen Anspruch und Verführung" benennt die Spannung, die das Buch durchzieht. Denn die Musikschulen der Wehrmacht hatten mit den Jugend- und Volksmusikschulen der Weimarer Republik, mit deren Idee einer Menschenbildung durch Musik, nur den Namen gemein. Hier ging es um die Ausrichtung am „nationalsozialistischen Geist", um militärischen Gehorsam, um die Funktionalisierung von Musik. Zugleich waren es junge Menschen, die dort ein Instrument lernten, die musizierten, die Hoffnungen hatten. Lange fragt danach, wie sich Förderung und Instrumentalisierung verschränkten, wie eine Musikausbildung unter den Bedingungen einer Diktatur und eines Krieges aussah – und was von den Beteiligten im Rückblick erinnert wurde.
Eine quellengestützte Studie, die ein wenig beachtetes Kapitel der Militärmusikgeschichte aufarbeitet und dabei über den lokalen Rahmen hinausweist: in die Geschichte der Kulturpolitik im Nationalsozialismus, in die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Macht, von Begabung und Gehorsam.