Ludwig Bechstein war einmal der meistgelesene Märchenerzähler deutscher Sprache – vor den Brüdern Grimm, nicht nach ihnen. Dass sein Name heute oft nur noch Kennern vertraut ist, gehört zu den seltsamen Ungerechtigkeiten der Literaturgeschichte. Heike F. M. Neumann nähert sich seinen Märchen auf einem ungewöhnlichen Weg: Sie verdichtet fünfzig von ihnen in die strenge Form des Haiku – drei Zeilen, siebzehn Silben. Jedes Märchen wird auf seinen Kern zurückgeführt, auf ein Bild, eine Wendung, einen Atemzug.
Was bleibt von einem Märchen, wenn man ihm alles nimmt außer dem Wesentlichen? Die japanische Kurzform und die europäische Erzähltradition scheinen zunächst weit voneinander entfernt. Doch beide leben vom Augenblick, in dem etwas kippt – vom Moment, der größer ist als seine Worte. Die Verdichtung legt frei, was unter den vertrauten Erzählungen liegt: Verwandlung, Grausamkeit, Sehnsucht, List. Und sie stellt die Frage, ob wir Bechsteins Märchen wirklich kennen oder ob wir sie nur vergessen haben.
Ein Buch für alle, die Sprache als Material begreifen und Märchen nicht für Kinderkram halten. Und eine Einladung, Ludwig Bechstein wiederzulesen – vielleicht zum ersten Mal.