Jena, Wintersemester 1865/66. Ein junger russischer Student sitzt im Hörsaal und schreibt mit, Seite um Seite, Zeichnung um Zeichnung. Der Student heißt Nikolai Nikolajewitsch Miklucho-Maclay, später berühmt als Ethnograph und Forschungsreisender. Der Dozent ist Ernst Haeckel, gerade dabei, die Zoologie von Grund auf neu zu denken – im Licht der Darwinschen Evolutionstheorie, die den Kontinent erst wenige Jahre zuvor erreicht hat. Was Miklucho in sein Heft überträgt, direkt aus dem Vortrag und von der Tafel, ist ein seltenes Dokument: 84 Doppelseiten, dicht beschrieben und durchzogen von morphologisch-anatomischen Zeichnungen, die Haeckels Lehrpraxis unmittelbar festhalten.
Das Manuskript, verwahrt im Archiv der Russischen Geographischen Gesellschaft in St. Petersburg, wird hier erstmals vollständig zugänglich gemacht. Es erlaubt einen Blick, den gedruckte Werke nicht bieten können – in die Werkstatt des Denkens, in die Art, wie Haeckel sein Wissen ordnete, visualisierte und weitergab, bevor es in die großen Publikationen einging. Die Mitschrift ist kein nachbereitetes Studienheft, sondern ein Rohdokument: Sie zeigt den Moment, in dem Wissenschaft gesprochen wird, nicht den, in dem sie zur Schrift gerinnt. Damit öffnet sie Fragen nach Haeckels Lehrmethoden, nach der Rolle der Zeichnung im zoologischen Unterricht und nach dem Verhältnis von mündlicher Vermittlung und publiziertem System.
Ein Buch für alle, die sich mit Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts befassen, mit Haeckels Werk jenseits der bekannten Kontroversen, mit der Geschichte der Jenaer Universität oder mit der Frage, wie biologisches Wissen seine Form findet.