Von 24.000 auf 56.000 Einwohner in knapp vier Jahrzehnten, dann wieder hinunter auf 37.000 – in diesen Zahlen verdichtet sich die Geschichte einer Stadt, die wie kaum eine andere in Thüringen den Aufstieg zur sozialistischen Bezirkshauptstadt und den Absturz nach 1990 durchlebt hat. Suhl wurde planvoll zum Industrie- und Verwaltungszentrum Südthüringens ausgebaut. Was folgte, war eine Deindustrialisierung, die nicht nur Arbeitsplätze, sondern ganze Lebensentwürfe auflöste. Der Autor, selbst über viele Jahre als Kommunalpolitiker an den Umbrüchen beteiligt, zeichnet diese Verwandlung in ihrer ganzen Breite nach: von der Abwicklung der Betriebe über den Umbau der kommunalen Infrastruktur bis zu den stillen Verwerfungen im Alltag derer, die blieben.
Das Buch stellt dabei eine Frage, die weit über Suhl hinausreicht: Warum fällt es so schwer, die Aufbauleistung der Ostdeutschen nach 1990 als das zu benennen, was sie war – eine enorme, unter enormem Druck vollzogene Gestaltungsarbeit? Statt auf Dankbarkeit zu warten oder sie einzufordern, legt der Autor offen, was tatsächlich geschah: ein Umbau in atemberaubendem Tempo, getragen von Menschen, deren Einsatz in der gesamtdeutschen Erzählung bis heute selten vorkommt. Es geht ihm nicht um Verklärung, sondern um Genauigkeit – und um die Hoffnung, dass kommende Generationen diese Jahre ohne ideologische Vorbehalte betrachten werden.
Ein Buch für alle, die sich für die jüngere Geschichte Südthüringens interessieren, für die konkreten Folgen der Wiedervereinigung in einer konkreten Stadt – und für die Frage, was es bedeutet, wenn sich ein ganzer Lebensraum innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert.