Vier Erzählungen, vier Stimmen, ein Motiv: das Wildern. Friedrich Schiller lässt seinen Verbrecher aus verlorener Ehre in die Wälder fliehen, wo das Gesetz endet und eine andere Ordnung beginnt. Marie von Ebner-Eschenbach erzählt vom Kramer und Fritzi, von Schuld und stiller Menschlichkeit. Hermann Löns kennt die norddeutsche Heide und ihre Bewohner, die sich nehmen, was sie als das Ihre betrachten. Und Ludwig Ganghofer führt in die Berge, wo der Wildschütz eine Figur zwischen Trotz und Tragik ist. Was diese Texte verbindet, ist weniger das Vergehen als die Frage, wem das Wild gehört – und wem das Land.
Das Wildern war nie nur Jagd ohne Erlaubnis. Es war Widerstand gegen Besitzverhältnisse, Ausdruck von Armut, manchmal auch bloß Eigensinn. Die vier Autorinnen und Autoren dieses Bandes nähern sich dem Thema aus sehr verschiedenen Richtungen – erzählerisch, sprachlich, moralisch. Schillers aufklärerischer Ernst steht neben Ganghofers Pathos, Löns' knappe Naturnähe neben Ebner-Eschenbachs psychologischer Genauigkeit. Gerade in dieser Unterschiedlichkeit wird sichtbar, wie viel eine einzige Figur – der Wilderer – über eine Gesellschaft und ihre Widersprüche erzählen kann.
Ein schmaler Band für alle, die klassische deutschsprachige Erzählkunst schätzen und Lust haben, vier sehr verschiedene Handschriften an einem gemeinsamen Stoff zu vergleichen. Keine der Geschichten ist lang, jede ist auf ihre Weise genau.