Karl Marx wird gern zitiert, wenn die Verhältnisse wanken – nach der Finanzkrise 2008 war er plötzlich wieder salonfähig, und mancher Satz aus dem 19. Jahrhundert las sich, als sei er für die Schlagzeilen des Tages geschrieben. Stefan Wogawa nimmt diesen Befund und dreht ihn ins Konkrete: Er verknüpft klassische Marx-Zitate nicht mit der großen Weltpolitik, sondern mit dem Alltag der Kommunalpolitik – mit Haushaltssperren, Bauausschüssen und Gemeinderatssitzungen. Was dabei entsteht, ist mal verblüffend treffend, mal absichtsvoll schräg, und fast immer lehrreich in beide Richtungen.
Denn das Buch stellt, halb im Ernst und halb mit Vergnügen, eine Frage, die selten so gestellt wird: Was bleibt von den großen Theorien, wenn man sie an die kleinstmögliche politische Einheit anlegt – die Kommune? Hält Marx stand, wo es nicht um Weltrevolution geht, sondern um Straßenbeleuchtung und Kita-Plätze? Wogawa zeigt, dass die Reibung zwischen Theorie und Praxis in beiden Richtungen Funken schlägt. Die Zitate gewinnen eine unerwartete Bodenhaftung, und die Mühen der kommunalen Ebene bekommen für einen Moment etwas von jener Grundsätzlichkeit, die ihnen im politischen Tagesgeschäft so oft abgesprochen wird.
Eine Lektüre für alle, die sich in Gemeinderäten oder Kreistagen engagieren und dabei den Sinn für die größeren Zusammenhänge nicht verlieren wollen. Und für jene, die Marx kennen, aber noch nie darüber nachgedacht haben, was seine elfte Feuerbachthese mit einer Sitzungsvorlage zu tun haben könnte.